Präsenz ist zu wertvoll für reine Wissensvermittlung

Wenn 20 Erwachsene drei Stunden gemeinsam im Unterricht sitzen, sind das 60 Personenstunden gemeinsame Lernzeit.
Diese Zeit ist wertvoll. Deshalb stelle ich mir bei der Planung einer Unterrichtseinheit zunehmend eine einfache Frage:
Was gelingt gemeinsam besser als alleine?
Reine Informationsvermittlung ist darauf häufig nicht die beste Antwort. Grundlagen lassen sich heute mit guten Lernmaterialien, kurzen Videos, Texten, Aufgaben oder digitalen Lernangeboten vielfach individuell erarbeiten.
Der eigentliche Wert gemeinsamer Lernzeit entsteht an einer anderen Stelle.
Nicht Präsenz oder digital ist die entscheidende Frage
Bei hybriden Lernformaten wird häufig zwischen Präsenzunterricht und Online-Lernen unterschieden. Für die didaktische Gestaltung greift mir diese Unterscheidung zu kurz.
Auch ein 90-minütiger Online-Unterricht kann daraus bestehen, dass eine Lehrperson erklärt und die Teilnehmenden zuhören.
Die wichtigere Frage lautet deshalb: Welche Lernaktivitäten funktionieren individuell gut – und welche werden durch die Zusammenarbeit mit anderen besser?
Begriffe verstehen, Grundlagen lesen, ein kurzes Erklärvideo anschauen oder den eigenen Wissensstand überprüfen kann häufig individuell erfolgen.
Anwenden, diskutieren, Entscheidungen treffen, unterschiedliche Perspektiven abwägen, argumentieren, üben und unmittelbares Feedback erhalten profitieren dagegen stark von gemeinsamer Lernzeit.
Genau dort sollte Präsenz – physisch oder online – ihren Schwerpunkt haben.
Ein Beispiel: drei Stunden Unterricht neu gedacht
Nehmen wir eine dreistündige Unterrichtseinheit zur Kundensegmentierung.
Klassisch könnte die Lehrperson zunächst Modelle erklären, Beispiele präsentieren und anschliessend eine Übung durchführen lassen.
Man kann die gleiche Lernzeit aber auch anders bauen.
Die Grundlagen werden vorab mit einem kompakten Lernauftrag und einem kurzen Selbstcheck erarbeitet. Zu Beginn der gemeinsamen Einheit werden offene Fragen und unterschiedliche Ausgangsniveaus sichtbar gemacht.
Danach erhalten die Teilnehmenden einen konkreten Unternehmensfall. Sie analysieren Kundendaten, bilden Segmente, priorisieren diese und müssen ihre Entscheidung begründen.
Die Lehrperson beobachtet, stellt Fragen, coacht und gibt dort einen fachlichen Input, wo er für die weitere Bearbeitung benötigt wird.
Anschliessend vergleichen die Gruppen ihre Lösungen, hinterfragen gegenseitig ihre Entscheidungen und verbessern ihre Ergebnisse. Zum Abschluss übertragen die Teilnehmenden die Vorgehensweise auf eine eigene berufliche Situation.
Der Inhalt ist nicht verschwunden. Aber seine Funktion hat sich verändert.
Er ist nicht mehr der Mittelpunkt der gemeinsamen Lernzeit, sondern unterstützt eine konkrete Handlung.
Fachlicher Input bleibt wichtig
Das bedeutet nicht, dass Lehrpersonen nichts mehr erklären sollen.
Im Gegenteil: Ein guter fachlicher Input kann hochwirksam sein – insbesondere bei komplexen Zusammenhängen, Fehlvorstellungen oder wenn Teilnehmende an einer Aufgabe nicht weiterkommen.
Entscheidend ist der Zeitpunkt.
Statt vorsorglich 45 Minuten Wissen zu vermitteln, kann ein zehnminütiger Input genau dann erfolgen, wenn die Teilnehmenden verstehen, wofür sie dieses Wissen benötigen.
Aus «Ich erkläre euch jetzt das Modell» wird damit häufiger «Ihr seid an einem Punkt, an dem euch dieses Modell weiterhilft».
Für mich ist das ein wesentlicher Unterschied.
Drei Fragen für die nächste Unterrichtsplanung
Was können die Teilnehmenden sinnvoll individuell erarbeiten?
Wo entsteht durch Austausch, Anwendung, Coaching oder unmittelbares Feedback ein echter Mehrwert?
Was sollen die Teilnehmenden am Ende der gemeinsamen Zeit tatsächlich getan, entschieden oder ausprobiert haben?
Wenn auf diese Fragen gute Antworten vorliegen, verändert sich die Rolle der Präsenzzeit.
Sie wird weniger zur Zeit, in der Stoff behandelt wird – und stärker zur Zeit, in der Kompetenz entsteht und sichtbar wird.
Das ist für mich eine der zentralen Chancen hybrider Weiterbildung.
Nicht möglichst viel aus der Präsenz entfernen. Sondern die gemeinsame Zeit konsequent für das einsetzen, was gemeinsam besser gelingt.
Reduce to what matters.


